Tom Gisler traf den ehemaligen Kindersoldaten Utty
Tom Gisler beim Gespräch mit Utty Subramaniam. (JRZ)
Die Sonne scheint und die Blätter leuchten in den wärmsten Farben. Es ist ein wunderbarer Herbsttag anfang November, der so überhaupt nicht zur traurigen Lebensgeschichte passt, die ich an diesem Tag zu hören bekomme. Ich treffe mich mit Utty 39 Jahre alt, Tamile aus Sri Lanka. Utty lebt seit 20 Jahren in der Schweiz, ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Einer von Zehntausenden Tamilen in unserem Land. Etwas scheu und äusserst sympathisch. So weit, so normal. Wir treffen uns im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des Schweizerischen Roten Kreuzes in Wabern bei Bern. Denn Utty ist Opfer des Bürgerkrieges in seiner Heimat Sri Lanka. Ein Opfer, das zum Täter wurde.
Ein Mann stirbt in seinen Armen
Utty ist 12 Jahre alt, als Regierungstruppen in sein Dorf in Sri Lanka kommen und ein Blutbad anrichten. Viele von Uttys Landsleuten werden getötet. Ein Mann stirbt in seinen Armen. An diesem Tag geht Uttys Kindheit zu Ende. Er verlässt Eltern und Geschwister und schliesst sich einer Rebellengruppe an - mit 12.
Er lernt zu kämpfen. Er lernt zu töten. Die zu töten, die die Seinen töten. Er das Opfer, das Kind, das ungewollt und unverschuldet mitten in einen Krieg geraten ist, wird zum Täter. Utty will mir im Gespräch nicht verraten, welche Greuel er verübt hat. Aber es besteht kein Zweifel, er hat furchtbare Dinge getan. Monströse Dinge. Aus seiner Perspektive waren es Dinge, die getan werden mussten. Er war ja nicht schuld am Krieg, schuld waren die anderen.
Töten war das einzig Logische
Das Kind, das gleichzeitig ein gesuchter und gefürchteter Rebell war, handelte nach der Logik des Krieges. Seine ganze Existenz hatte nur noch den einen einzigen Zweck: so viele feindliche Soldaten zu töten wie nur möglich. Und das tat er während mehrerer Jahre. Mit 17 wird er gefangen genommen, gefoltert. Mit 19 flieht er.
Der Mann, der mir heute gegenüber sitzt, ist erwachsen, bald 40 Jahre alt. 20 Jahre nach seiner Flucht versucht er noch immer in seiner Existenz einen neuen Sinn zu finden. Sein Leben ist auf Vergeltung gebaut, hier in der Schweiz fehlt ihm aber der Feind. Was bleibt, ist unkontrollierte Aggression. In langwierigen Therapiesitzungen lernt er mit der Aggression umzugehen und auch mit seinen Suizidgedanken.
Seine Krankheit lautet Krieg. Gesund wird er nie mehr werden. Er kann nur versuchen, mit der Krankheit einigermassen zu leben. Und das lernt er unter anderem hier im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Wabern bei Bern. (tom)
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