Nik Hartmann in Sri Lanka: «Der Krieg ist Vergangenheit. Wo bleibt die Zukunft?»
Nik auf Schulbesuch in Sri Lanka: Die Schule ist obligatorisch für alle, die sich Schuluniform und Schuhe leisten können. (JRZ)
Sie ist 17, und der Hut in ihren schon verlebten Händen ist fast fertig geflochten. Ein schöner Hut aus Palmblättern. Sie bekommt umgerechnet 10 Rappen für einen. Vier schafft sie am Tag.
Wenn sie flechtet, sitzt sie bei ihren gleichaltrigen Freundinnen auf dem Fussboden des Jugendclubs eines kleinen Dorfes an der Ostküste von Sri Lanka. Sie ist zurückgekehrt an den Ort, wo sie vor drei Jahren in der Nacht von Rebellen verschleppt worden ist und gezwungen wurde, für die LTT zu kämpfen, die paramilitärische Rebellenorganisation «Tamil Tigers».
Der Krieg in Sri Lanka ging offiziell im Frühsommer des letzten Jahres zu Ende. Die Regierungstruppen bestimmten es so - ohne offizielles Friedensabkommen mit den verfeindeten Tamil Tigers. Die kleine Insel im Indischen Ozean blickt auf beinahe 30 Jahre Bürgerkrieg zurück.

Zahllose Hilfskräfte in unseren Schweizer Restaurants, in der Pflege, auf der Heimfahrt im Tram sind Tamilen und stammen etwa aus Jaffna, Batticaloa oder Trincomalee - Städte in den Tamilengebieten der Nord- und der Nordostküste Sri Lankas.
«Ich habe ihre Heimat erlebt. Ein wunderbar schönes Land. Der Garten Asiens.»
Wo sich vor eineinhalb Jahren die Infanterien beider Kriegsparteien gegenseitig mit Granaten beschossen, tausende von Familien vertrieben und auseinandergerissen wurden, sind die Minenfelder inzwischen beinahe geräumt. Auf den ehemaligen Schlachtfeldern wächst wieder Reis. Wir essen viel davon. Dazu Bananen, Mangos, scharfes Curry.
Im Supermarkt sind die Auswüchse globalisierter Ernährung nicht zu übersehen. Diejenigen Familien, die sich RedBull und Colgate leisten können, sind jedoch in der Minderheit. Die fünfköpfige Familie, die ich an diesem Vormittag vor Ihrer Hütte antreffe, gehört bestimmt nicht dazu.
Auf Ihrem Speiseplan steht mehrheitlich Reis. Vielleicht gibt es einmal im Jahr etwas Poulet. Die drei Kinder sind noch klein. Die einseitige Ernährung hemmt ihre Entwicklung. Doch gerade das Vorwärtskommen der Kinder wäre für das Land von grösster Wichtigkeit. Man ist nämlich stolz auf den Nachwuchs. Und nur wer lesen uns schreiben kann, kann sich wehren. Etwa gegen die chinesische Invasion, gegen chinesische Wirtschaftsförderer, die mit ihren Baumaschinen Strassen bauen und dann als Dank an strategisch wichtigster Stelle an der Ostküste einen Hafen für ihre eigenen Zwecke errichten dürfen.
Nur wer zur Schule geht lernt argumentieren und debattieren. Das Schulsystem Sri Lankas ist gut ausgebildet. Und alle müssen zur Schule, theoretisch - wer sich aber keine Schuluniform oder Schuhe leisten kann, darf nicht gehen. Und an gewissen Orten steht die Schule auch gar nicht mehr. Denn da war ja auch noch der Tsunami, der vor sechs Jahren ganze Dörfer unter sich begrub.

«Das Land hat eine Zukunft. Man muss sie ihm einfach ermöglichen.»
Auf der Fahrt im Pickup von Flüchtlingslager zu Waisenhaus, Kindergarten zu Kindersoldat und schliesslich zum Flughafen in Colombo denke ich immer wieder an die junge Siebzehnjährige mit dem geflochtenen Hut.
Die Männer, erzählt sie, hätten sie wie einen Hund behandelt. Alle. Zuerst die Rebellen der Tamil Tigers. Dann die Regierungssoldaten, als sie in ein Gefangenenlager gebracht wurde. Sie ist noch beinahe ein Kind. Mit der Hilfe von Terre des Hommes lernte sie, von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Und als nächstes soll sie jetzt eine Zukunft bekommen. Jeder Rappen zählt. (Nik)
Hier die Videos zu Niks Reise von Glanz & Gloria:
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