Zu Gast bei den Amis: Thanksgiving mit den Butts
Ein Teil der Familie Butt. Alle wollten nämlich nicht aufs Foto. (Die Lady of the house war sich bis zum Schluss nicht ganz sicher, ob wir sie nicht verarschen und dann lustige Filme von ihr auf YouTube stellen wollen.) (Michael Jarjour / DRS 3)
Ich klopfe an diese Tür, weil ich schon von aussen Gelächter höre. Die Strasse ist stockfinster. Viele dieser Häuser hier sind unbewohnt, kein Licht, zugemauerte Fenster oder «Zu verkaufen»-Schilder im Vorgarten. Doch hinter dieser Tür leben nicht nur mit Sicherheit Menschen; die klingen auch so, als wären sie gut drauf.
«Da ist jemand an der Tür», ruft eine Stimme hinter der Tür. Sie geht auf, ich wünsche «Happy Thanksgiving», wie ich es hier in Detroit schon den ganzen Tag artig mache. Ich erkläre, wer ich bin, woher ich komme - und frage, ob ich ein wenig mitfeiern darf. Als Schweizer, der sich an diesem Feiertag in diese unwirtliche Stadt verirrt hat.
«Du willst Kuchen?»
Die Frau, die mir die Türe aufgemacht hat, ist umgeben von ein paar Teenagern, einem grossen Mann, und macht die Tür erstmal noch nicht auf. «Ich habe Kuchen mitgebracht.» - «Du willst Kuchen?» - «Nein, nein, ich habe Kuchen mitgebracht. Als Geschenk.»

Und ich bin drin. «Oh, das ist ja so süss von euch», sagt die jüngere Frau hinter der, die mir die Tür aufgemacht hat. Und sie dann: «Willst du reinkommen? Komm rein!» Der Teil der Familie, der sich nicht für den Besuch, also mich, interessiert, schart sich um den Fernseher.
Auf der anderen Seite des kleinen Raumes, gleich bei der Küche, ein grosser Tisch, Essensresten. Es ist eine Menge übrig geblieben, und ein Teil davon wird mir jetzt angeboten, jetzt nach zwanzig Minuten Smalltalk (Essen, Banken, Detroit).
Das Schicksal der Butts
Tiny ist die Lauteste. Sie ist die jüngste von drei Schwestern, die Butt-Schwestern. So heisst der Grossteil der Familie. Butt. Wie Po auf Englisch. Das sagt Tiny und lacht laut. Nach einer Weile erzählt sie mir, warum dieses Thanksgiving so anders ist, als alle andern.

«Unsere Schwester ist gestorben. Das ist das erste Thanksgiving ohne sie.» Die vierte der Butt-Schwestern hat im Sommer eine Fehlgeburt erlitten und sei danach an einer Blutvergiftung gestorben. Dadurch sei die Familie noch näher zusammengerückt.
Die Butts-Familie würde ich der unteren Mittelschicht zuordnen. Sie haben schlecht bezahlte Jobs, einige sind arbeitslos, sie machen sich Sorgen um die Zukunft, was sie am Leben hält ist ihr Glaube an Gott, sagen sie.
Sie leben in der gefährlichsten Stadt der USA, Detroit. Reichtum und Zukunftsaussichten liegen in der Vergangenheit. Genau darum ist das der perfekte Ort, den Thanksgiving-Spirit zu erleben; an diesem Tag gibt's sogar in dieser rauen Umgebung Truthahn für einen dahergelaufenen Schweizer (jedenfalls, wenn er Kuchen bringt).
Michael Jarjour






