Der Loser vom Südpol
Robert Falcon Scott: «Vor mir hat das hier noch niemand gemacht!» (cic)
DRS 3-Redaktor Andrea Christen telefoniert mit John Kovac und Julie M. Palais von der Amundsen-Scott-Südpolstation.
Roald Amundsen war schneller. Er hatte den Südpol rund einen Monat vor den englischen Polarforscher Robert Falcon Scott erreicht. Man muss sich Scott als Mann mit leerem Blick vorstellen, als das erste Mal Schlittenspuren im Südpol-Schnee entdeckte und wusste: da war jemand vor ihm hier.
«Das Schlimmste ist passiert», notierte er bei minus 22 Grad in sein Tagebuch. «Kopf hoch», möchte man ihm zurufen, «du bist nicht allein.» Das Schicksal, Zweiter zu werden, teilt Scott mit anderen aufrechten Personen der Zeitgeschichte.
Die 2 am Rücken
Mit Antonio Meucci beispielsweise, dem italienischen Beinahe-Erfinder des Telefons. Man stellt sich die Szene vor: Herr Meucci marschiert ins Patentamt, um seine Erfindung, das Telefon, anzumelden. Er stellt sich in die Warteschlange vor dem Schalter «Neuanmeldungen Patente». Brrring! Ein Telefon klingelt. Herr Meucci ahnt, dass etwas schief gelaufen ist. Fakt ist: Alexander Graham Bell war schneller, Antonio Meucci bleibt die Nummer 2.
Oder denken wir an Raymond Poulidor, den französischen Radrennfahrer: der hatte in den 1960er und 1970er Jahre Gelegenheit, die Trikotreklame auf dem Rücken so manchen Etappensiegers eingehend zu studieren. Poulidor pflegte als Zweiter über die Ziellinie zu fahren. Trotzdem war er höchst beliebt im Volke.
Trostpflästerli für Scott
Wäre all dies Robert Falcon Scott ein Trost gewesen? Wohl kaum. Das norwegische Fähnlein Amundsens, wie es fröhlich im eisigen Wind am Südpol flattert, muss sich ihm ins Gedächtnis gebrannt haben. Er hat dieses Bild bis zu seinem Tod nicht mehr vergessen. Das war einen Monat später, auf dem Rückweg vom Südpol. Der 17. Januar war nicht sein Tag und 1912 nicht sein Jahr.
Und jetzt kommt es: 100 Jahre später können wir doch von einem kleinen Happy End für Mister Scott berichten. Die hochmoderne Forschungsstation in der Antarktis heisst heute nicht etwa nur Amundsen-Südpolstation, sondern Amundsen-Scott-Südpolstation. Nicht schlecht für einen, der den Südpol erreicht hat und in sein Tagebuch notiert: «I am annoyed».






